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Alle Jahre wieder

  • Autorenbild: Werler Kötte
    Werler Kötte
  • 4. Apr.
  • 4 Min. Lesezeit

Ich kann mir Daten (Plural von Datum) schlecht merken. Das betrifft vor allem Menschen, die mir etwas bedeuten, denen ich nicht zum Geburtstag gratuliere. Das wird sich wohl auch nicht mehr ändern. Meinen Geburtstag darf man im Umkehrschluss allerdings auch gerne ignorieren. Dann gibt es wiederum Tage, die bereits einige Wochen vorher in den Gedanken auftauchen. Sie werfen einerseits eine Art Schatten voraus, spenden aber ebenfalls ein diffuses Licht, um im schiefen Bild zu bleiben.

 

Lang ist es her…


Mamas Todestag jährt sich nun zum vierten Mal. Oppa fehlt seit 10 Jahren und bei Erna sind es bald 15 Jahre. Das sind schnöde Zahlen, die wiederum total widersprüchliche Gefühle hervorrufen. Der kleine Zyniker in mir zeigt auf die weiß schimmernden Areale auf dem Haupt und wiehert „Kehr! Du bist aber alt geworden!“ Das sagte Mama immer, wenn irgendein Prominenter, der lange von der Bildfläche verschwunden war, nach verhunzter Schönheits-OP wieder im wenig schmeichelnden Rampenlicht erschien. Jaja, die Zeit fliegt, verrinnt und eilt geschwind. Dennoch mutet es beinahe absurd an, dass Ommas Tod so weit in der Vergangenheit liegt.  


Die Mutter allen Übels mit obligatorischem Fellvieh
Die Mutter allen Übels mit obligatorischem Fellvieh

Zeit heilt alle Wunden. Das ist so ein Kalenderspruch, den ich in Gänze ablehne. Ich finde das gekritzelte Bild merkwürdig und die scheinbare Aussage dementsprechend unpassend. Ich kann keine besseren oder plakativeren Zeilen produzieren, dafür bin ich in der Lage, ausufernd und umständlich auf den Tasten herumzutippen. Wenn wir im „Wundenbild“ bleiben wollten, würde ich sagen, dass die Verluste von so prägenden und wichtigen Menschen unterschiedliche Narben hinterlassen. Man trägt sie mit sich herum, manchmal vergisst man sie, manchmal jucken sie ein wenig, manchmal ein wenig mehr und beizeiten fühlt es sich an, als würden die Teile wieder aufreißen.

 

Wer tot ist, hat mal gelebt

 

Die Zeilen schreibe ich, weil sich Mamas Todestag jährt. Aber meist kann ich nicht an sie denken, ohne Erna und Oppa im Wohnzimmer zu sehen. Ihr Tod ist eben noch „frischer“, ihre letzten Etappen habe ich näher erlebt, sie haben sich tiefer eingegraben und vor 4 Jahren war ich schon „erwachsener“ als vor 10 oder gar 15 Jahren, wobei so ganz erwachsen werde ich wohl nie. Mit Anfang 20 ist man aus neurologischer Sicht tatsächlich noch nicht ausgereift. Mama würde jetzt wieder „Klugscheißer“ sagen, aber ganz Unrecht hat sie damit ja auch nicht.


Da habe ich das Schleifeschnüren gelernt. Mache ich heute noch. Danke :)
Da habe ich das Schleifeschnüren gelernt. Mache ich heute noch. Danke :)

Bei Erna und Oppa war ich eher Kind, bei Mama war es anders. Palliativ, Hospiz, Beerdigung, Spam-Nachrichten von Grabsteinmanufakturen, aber auch die Gewissheit, gute Menschen zu kennen, auf die man sich verlassen kann. Danach geht das Leben eben weiter, ob man es will oder nicht. Der Alltag fordert seinen Tribut und Gründe, traurig, wütend und niedergeschlagen zu sein gibt es leider in fülliger Hülle, auch wenn man nicht gerade den Verstorbenen nachweint. Dennoch bin ich regelmäßig auf dem Friedhof, um den losen Gedanken und Erinnerungen einen bewussteren Rahmen zu geben. Denn die unvermittelt auftretenden Assoziationen sind wie aufblitzende ähm Blitze. Sie sind laut, hell, jedoch schnell wieder verschwunden.


Ich habe viele Erinnerungen an die Drei, die zu einem beträchtlichen Teil zu verantworten haben, dass ich so bin, wie ich bin. Leider sind Erinnerungen flüchtiger Natur. Sie verändern sich im Laufe der Zeit, man betrachtet sie in einem anderen Licht, sieht sie in einem anderen Kontext und teilweise verblassen sie einfach.


Deshalb habe ich irgendwann die Kategorie „Aus dem Leben eines Köttenkindes“ auf die Website gepackt. Eigentlich wollte ich hier nie zu privat werden, aber ich wurde einst ermuntert (danke!), zumindest ein bisschen was niederzuschreiben, weshalb es letztlich auch veröffentlicht wurde. Alles für Aufmerksamkeit und so 😉


Erna war ihrer Zeit schon immer voraus.
Erna war ihrer Zeit schon immer voraus.

 

Trauer im Wandel

 

Ich kann mich noch ganz gut daran erinnern, wie es mir bei bzw. nach den Todesfällen ging. Details möchte ich den Lesenden ersparen, aber euphorisch und lebensfroh war ich in der Zeit nicht unbedingt. Sie sind allesamt zu früh gestorben. Jaja, ebenfalls einer dieser Kalendersprüche. Trotzdem hätte ich sie zu verschiedenen Ereignissen der letzten 15 Jahre gerne an meiner Seite gewusst, hätte sie an Erlebnissen teilhaben lassen wollen. Sie fehlen einfach, das ist ein Gedanke, der sich immer wieder meldet.


Dass ich unkontrolliert wasserfallartig weine und mit Schnappatmung vor den Gräbern sitze, kommt nicht mehr vor. Also dürfte ja alles in Ordnung sein. Tatsächlich geht es mir eher gut, wenn ich an die verbuddelten Menschen denke, die mich begleitet haben, als ich ein unausstehlicher und besserwisserischer Trottel mit lockiger Mähne war. Sie haben mir viel gegeben, viel mit auf den Weg gegeben und ich bin dankbar für die Zeit, die ich mit ihnen hatte. Allerdings frage ich mich oft, wie es wäre, wenn ich diese Zeilen nicht schreiben würde, sondern mit Mama nach Belgien fahren, Oppas Anekdoten lauschen und mit Erna über Probleme und Sorgen quatschen könnte. Das sind Gedanken, die bitter und süß erscheinen.


Einerseits wird mir dann klar, dass das alles eben nicht mehr geht. Andererseits sind sie dadurch irgendwie immer noch da. Immer wieder frage ich mich, was sie zu gewissen Situationen zu sagen hätten, was sie mir zu sagen hätten.


Im Alltag ist nicht massig Raum zum Trauern, warum sollte man auch Jahre später noch trauern? Die Besuche auf dem Friedhof sind wichtig, wenngleich da meist mehr los ist als in der Fußgängerzone. Viel wichtiger sind aber die kleinen Momente. Wenn „alte“ Lieder aus den Boxen dröhnen, ist es wie ein kleiner Gruß aus der Vergangenheit. Dann bildet sich bei mir Gänsehaut an den Oberarmen, die wunderschönen Augen werden etwas glasig und ganz kurz bilden sich dezente Lachfältchen, die inzwischen wohl weniger dezent sind. Manchmal sind es auch Orte, die mit Erinnerungen aufgeladen sind, Aussprüche („Kehr“), die ich höre oder andächtig selbst intoniere, Filme, der Einkauf (jeder Griff ins Kühlregal lässt mich Ernas Stimme hören, wie sie mir sagt, dass ich immer das Zeug von hinten nehmen soll) und viele weitere Dinge, doch der Text ist jetzt schon zu lang.


Und was ist jetzt die Quintessenz dieses Geblubbers? Ich denke nicht, dass es sie gibt. Ich schreibe, also bin ich. Falls es die neuronalen Kapazitäten hergeben, möchte ich bald mal wieder ein paar Erinnerungen in glorifizierter und glorifizierender Weise niederschreiben. Es hat zwar was von Selbstverliebtheit, könnte ein wenig ichbezogen wirken, aber letztlich spielt es keine große Rolle, denn es dient dem aussichtslosen Kampf gegen das Vergessen. Außerdem fand Mama es gut, dass ich ab und zu schreibe und Mama hat immer recht (das stimmt nicht, ich habe immer recht ;D).  

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