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Böllern

  • Autorenbild: Werler Kötte
    Werler Kötte
  • 17. Jan.
  • 8 Min. Lesezeit

Wir Deutschen sind ein stabiles Volk, das großen Wert auf Traditionen legt. Wenn sich das Jahr dem Ende zuneigt, kippen wir uns nicht literweise Bier in den trockenen Schlund, während wir feine Ledertrachten tragen, sondern greifen zu aufgewärmten Weinverschnitten in dekorativen Tassen. Die Feiertage werden würdig begangen, man stopft sich kiloweise Gans, Karpfen und anderes Getier zwischen die Kauleisten und wickelt unnütze Geschenke in Quadratkilometer von buntem Geschenkpapier, damit die Entsorgungsbetriebe genug zu tun haben, wenn die Paketboten mit Bandscheibenvorfall auf dem OP-Tisch liegen. Das Beste kommt allerdings bekanntlich zum Schluss. Silvester. Und jedes Jahr aufs Neue finden die gleichen Diskussionen statt, wobei das Wort „Diskussionen“ einen enormen Euphemismus darstellt. Worum geht es? Welche „Argumente“ tauschen die Verfechter unterschiedlicher Standpunkte dar? Wer hat recht? Spoiler, ich natürlich.  

 

Kabumm

 

Bevor die Leute wochenlang „frohes Neues“ als Begrüßungsfloskel verwenden, muss das alte Jahr erst einmal angemessen verabschiedet werden. Dafür decken sich freiheitsliebende Patrioten mit panzerbrechenden Utensilien ein, um den Wildtieren zu zeigen, wer die Krone der Schöpfung ist. Wer sonst kann fragmentierte Gliedmaßen clever zusammenpuzzeln und wieder an die entsprechenden Stellen tackern? Viele Sinne wollen stimuliert werden, weshalb laut allein nicht reicht; hell und grell darf es dann auch noch sein. Genug des ideologischen Vorgeplänkels.  


Das ist Tradition. Das ist meine Freiheit. Das haben wir schon immer so gemacht. Ist doch nur einmal im Jahr. Genau auf diesem argumentativen Niveau bewegt man sich häufig, wenn es um das alljährliche Geknalle und Geböllere geht. Tradition ist per se niemals ein irgendwie valides Argument. Besonders im Zusammenhang mit „das haben wir schon immer so gemacht“. Es gab Zeitpunkte, da galt „das haben wir schon immer so gemacht“ für zahlreiche Handlungen. Wenn der Jaust seine Hausaufgaben nicht ordentlich macht, kriegt er eben ein paar auf die Fresse, das ist bewährt. Die Frau will arbeiten gehen? Die soll gefälligst ihren Körper zur Verfügung stellen und das bisschen Haushalt schmeißen. Zugegeben 2 plakative Beispiele, aber der Kern der Kritik dürfte herüberkommen.


Tradition? Tradition ist dann wertvoll, wenn sie in einen Kontext eingebettet werden, mit Sinnhaftigkeit aufgeladen werden kann. Schnadegang ist ein gutes Beispiel. Früher ist man zu den Grenzsteinen gegangen, um sich zu vergewissern, ob diese noch an den richtigen Stellen zu finden sind und um der nachfolgenden Generation eben jene Grenzen zu zeigen. Das ist heute nicht mehr nötig, wird aber dennoch gemacht, um auf die historische Notwendigkeit hinzuweisen, an eine Zeit vor GPS zu erinnern, Gemeinschaft zu fördern und einen Grund zum Saufen zu haben. Einfach etwas machen, weil irgendwer es früher auch gemacht hat, ist in etwa so sinnvoll, wie eine Blutegelbehandlung bei einem Schädelbasisbruch.


Erfahrungsgemäß laufen „Gespräche“ über dieses Thema in einem hochemotionalen Sprachduktus statt. Schnell werden große Kaliber (sprich pauschale Beleidigungen) aus dem Werkzeugkoffer gekramt. Das macht bekanntlich mehr Spaß als der schnöde Austausch von Sachlichkeiten. Aber uns geht es nicht um Spaß, weshalb wir mal näher auf die Thematik eingehen möchten.  

 

Deutsche Verkehrspolitik ;)
Deutsche Verkehrspolitik ;)

Von Geistern und pulverisierten Händen

 

Wir könnten jetzt ausführlich darüber philosophieren, welchen Hintergrund das Spektakel traditionell hat, aber es geht eigentlich gar nicht um die Vertreibung der bösen Geister des abgelaufenen Jahres. Es geht ums Prinzip und meist männliche Menschen, die eben gerne knallen.


Sobald sich der Jahresabschluss nähert, bringen getreue Germanen ihre Ersparnisse über die Grenze gen Polen und beladen ihre Karre mit ausreichend Sprengstoff, um die Düsseldorfer Altstadt in Schutt und Asche zu legen. Einen Tag vor Silvester zieht dann der deutsche Einzelhandel nach und bietet Raketen, Knallerbsen und funkensprühende Batterien feil. Die Leute reiben sich die (noch intakten) Griffel und freuen sich auf das Spektakel. Viele fühlen sich in ihrer persönlichen Freiheit eingeschränkt, wenn über mögliche Verbote der privaten Ballerei gesprochen wird, die andere Seite schüttelt derweil mit dem Kopf. Oftmals werden die unterschiedlichen Standpunkte verwässert und andere Themenbereiche angeschnitten. Meine Omma hätte gesagt „man kommt von Höksken auf Stöksken“. Daher wollen wir uns doch mal die verschiedenen Betrachtungen anschauen und eine differenzierte Betrachtung ermöglichen.

 

Von Knete, Knallern und umherfliegenden Gliedmaßen

 

Feuerwerk ist ein Wirtschaftsfaktor. Viele Arbeitsplätze (mehr als 26) hängen mit der Produktion und dem Vertrieb zusammen. Das ist nun einmal ein Fakt. Das allein halte ich als Argument für recht kurz gegriffen. Einst war der Bergbau auch ein großer Wirtschaftsfaktor oder die Herstellung von Wählscheibentelefonen. Mir persönlich geht es tatsächlich auch nicht darum, die Verwendung von Feuerwerk generell zu verbieten, sondern es auf professionelle durchgeführte Veranstaltungen zu beschränken, damit nicht jeder Vorgarten, jede Innenstadt zum Schlachtfeld wird, aber dazu später noch mehr.


Das vorgetragene Argument soll also den monetären Aspekt betonen, doch muss dafür auch eine andere Rechnung eröffnet werden, die wiederum Argumenten der versifften Gegenseite mehr Beachtung schenkt. Unabhängig davon, dass viele Menschen ihre Munition aus dem Netz oder dem Ausland beziehen, erzeugt das jährliche Abfeuern eben nicht nur Gewinne.

Einige Beispiele? Es ist jedes Jahr das Gleiche. Wenn man am Folgetag die Medien im Blick behält, gibt es immer wiederkehrende Meldungen und Schlagzeilen. Wohnungen gehen in Flammen auf, Mülltonnen fackeln ab, Häuser brennen nieder, Autos verlieren ihren TÜV, Verwüstungen in den Innenstädten und viele weitere „Sachschäden“ müssen im neuen Jahr erst einmal kalkuliert werden. Andererseits kann man so endlich das sanierungsbedürftige Dach erneuern.


Weitere Kosten und einen nicht zu vernachlässigenden Stressfaktor findet man in den Nachtstunden auf den Intensivstationen. Es vergeht kein Jahr, in dem es nicht zu massiven Unfällen und extremen Verletzungen kommt. Hände, die man selbst mit viel Phantasie nicht mehr zusammenpuzzeln kann, Amputationen allerlei Gliedmaßen, verheerende Verbrennungen von Visagen und sogar Todesfälle. Ja, aber das sind oft Leute, die selbst was gebastelt haben. Das mag sein, wenn man das private Geknalle aber generell einschränken würde, wäre die Hemmschwelle sicher höher und man könnte nicht durch einen Spaziergang im Supermarkt an die nötigen Utensilien für derartige Experimente kommen. Dass hinter jeder Verletzung ein menschliches Schicksal steht, möchte ich nicht zu sehr betonen, sondern das Augenmerk auch darauf richten, dass die typischen Verletzungen nicht mit einer Behandlung final abgerechnet sind. Die Betroffenen müssen oft jahrelang weiter mit Medikamenten und Therapien versorgt werden und können ihren beruflichen Tätigkeiten möglicherweise nicht in gewohnter Weise nachgehen. Wirtschaftlich sicher nicht sonderlich förderlich.


Wenn man die Feuerwerkskörper entsprechend der Anweisungen nutzt, kann eigentlich wenig passieren; Stichwort Eigenverantwortung. Das stimmt. Entspricht das denn der Realität? Nein, einfach nein. Meist sind es Männer, die extrem auf das Geböllere stehen (ja, es gibt auch Frauen und ich bin auch kein Freund dieser staubigen Schubladen). Wir sind schließlich die Zielgruppe von „Alarm für Cobra 11“ und mögen es, wenn Dinge spektakulär in die Luft fliegen. Unsere Impulskontrolle ist bekanntlich nicht die Beste (Beispiele dafür würden den Rahmen hier sprengen höhö) und am Silvestertag tanken wir in der Regel mehr Fusel als an Bundesligaspieltagen. Sprengstoff und Alkohol sind nicht unbedingt die sicherheitsdienlichste Kombination.


Was in diesem Zusammenhang ebenfalls zu erwähnen ist, ist meine Theorie des dümmsten Deutschen, der bei jedweden Spielregeln Beachtung finden sollte. Nehmen wir mal ein Beispiel. Wenn ich an einem Kindergarten vorbeifahre, sagt mir der gesunde Menschenverstand, dass ich langsam fahren sollte, weil Kinder eben blöd sind und mir bei einer Vollbremsung die Flasche Wodka umkippen könnte. Weil aber eben nicht alle annähernd an meinen Intellekt herankommen, sind sogenannte Tempolimits (also nicht auf der Autobahn) notwendig, um zu viele plattgefahrene Kinder zu vermeiden. Diesbezüglich hat die Erfahrung schlicht und ergreifend gezeigt, dass wir nicht in der Lage sind, flächendeckend verantwortungsvoll mit den Knallerutensilien umzugehen.  


Dass immer wieder Menschen gezielt mit Böllern und Feuerwerk beworfen werden, ist einfach erschreckend. Besonders bedenklich erscheint, dass Polizisten, Feuerwehrleute und Sanitäter ebenfalls zu den Zielscheiben gehören, sprengt einfach meine Phantasie. Jaja, das Wortspiel ist sehr unpassend.

 

Von Tieren und Menschen

 

Streng betrachtet sind wir natürlich auch Tiere, aber eben besser, klüger und mit mehr Modegeschmack ausgestattet. Dass wir andere Tiere nicht unbedingt immer „gut“ behandeln, dürfte selbst den Verbohrtesten unter der Sonne klar sein. Die Zustände in der „Nutztierhaltung“ und „Fleischproduktion“ bieten besten Stoff für Horrorfilme, denen selbst mutige Mannsbilder fernbleiben würden. Dass die künftigen Fleischwürste und Omelettlieferanten während der Silvesterfeierlichkeiten Todesängste durchleben, dürfte uns dementsprechend nicht sonderlich interessieren. Schön ist es dennoch nicht.

Ähnliches gilt für die eingekerkerten Zootiere, die in ihrem Alltag zumindest unserer Unterhaltung und dem Vermitteln von Basiswissen dienlich sind. In den Tierparks und Zoos haben die dort tätigen Angestellten im Vorfeld des großen Knalls viel zu tun, um die Viecher vor möglichen Schaden zu bewahren.


Wildtiere stehen auch nicht sonderlich auf das Geböller. Zu Vögeln gibt es eine kleine Studienlage, nach der das gefederte Getier durch den Lärm wie bekloppt in hohe Höhen fliegt, wo es zu viel Energie verbrennt, was in der Folge zum Tod führen kann. Generell besteht das Risiko, dass Winterschlafende aufgeweckt werden und dadurch den Winter nicht überstehen können. Tja, Menschen machen keinen Winterschlaf. Pech.


Nähern wir uns nun dem Thema an, bei dem es meist heiß hergeht. Haustiere. Jedes Jahr durchleben Katzen und Köter Todesängste. Es gibt ausreichend Videomaterial, welches wenig unterhaltsam erscheint, außer man ist ein Arschloch. Und ja, man darf ein Arschloch sein. „Wer Tiere hält, muss eben dafür sorgen, dass sie das gut überstehen.“. Danke für das zielführende Argument, Arschloch. Wenn man einen Streuner in sein Heim lässt, dann muss man gefälligst eine schallisolierte Kammer errichten lassen, weil einmal im Jahr ein paar Bekloppte übertreiben müssen bzw. wollen. Andererseits würde der landesweite Ausbau mit schalldichten Zimmern die Wirtschaft ankurbeln und sie wären für den Rest des Jahres vielseitig einsetzbar.


Zwar gibt es immer weniger Weltkriegsüberlebende, aber dennoch viele Menschen, die durch Erlebnisse in Kriegsgebieten massiv traumatisiert sind. Was das Geballer bei ihnen auslöst, kann ich nicht exakt sagen. Allerdings wird es kaum zu Freudentänzen führen.   

Dass es für die Umwelt nicht sonderlich gut ist (Stichwort Feinstaub) möchte ich vernachlässigen, denn die Umwelt interessiert bekanntlich niemanden ernsthaft. Dass die Straßenzüge an den Folgetagen aussehen, wie Werl, wenn die Müllabfuhr streiken würde, ist aber dennoch zu monieren. Ja, aber ich räume meinen Müll doch weg. Jaja, Glückwunsch Joachim, man sollte Dir das Bundesverdienstkreuz verleihen. 

 

Verzicht? Diktatur!

 

Es gibt für das omnipräsente Böllern exakt ein Argument. Es macht den Knallenden Spaß. Und dieses Argument ist vollkommen okay. In der Gesamtbetrachtung erscheint es aber weniger ausschlaggebend als die zahllosen Aspekte der Gegenseite. Allerdings fällt es Menschen einfach auch schwer, Rücksicht aufeinander zu nehmen. Warum soll ich auf etwas verzichten, nur damit andere nicht leiden? Das gilt für viele Dinge des menschlichen Zusammenlebens und zeigt, dass wir eben nur auf den ersten Blick die Krone der Schöpfung sind. Böllern ist neben dem Rasen auf Autobahnen die gefühlt letzte Bastion des lautstarken Teutonen. Wenn man ihm das nimmt, was hat er dann noch?


Ich bin generell kein großer Fan des lauten und grellen Treibens. Welche Alternativen zum zügellosen Zünden der Raketen und Böllern gibt es denn? Es gibt unterschiedliche Ansätze, die entsprechend unterschiedliche Schwerpunkte setzen.


So könnte es in den Orten zentral angelegte Feuerwerke geben, die professionell durchgeführt werden. So haben alle was zu gucken, ohne, dass ihnen die Pfoten pulverisiert werden. Für das private Zelebrieren könnte man Produkte erlauben, die ein bisschen Funken sprühen und überschaubare Leuchteffekte erzeugen, ohne dass der Eindruck entstünde, man wolle eine Brücke sprengen.


Auch wenn wir Germanen bei dem Thema gewohnheitsmäßig etwas hinterherhinken, sind Drohnenshows ebenfalls schön anzuschauen und dabei weniger ohrenbetäubend und müllerzeugend.


Natürlich ist das Geknalle faszinierend für viele Menschen, es ist Gewohnheit, es macht auch Spaß, aber auf der anderen Seite steht eine riesige Schlange an Gründen, weshalb es in dieser Form nicht mehr zeitgemäß erscheint. Leider gibt es Dinge, bei denen politisches Handeln nicht sachlichen Erkenntnissen folgt, sondern vor dem zu erwartenden Aufschrei einer pöbelnden Meute zusammenzuckt.


Letztlich ist es wie bei allen Veränderungen. Als die Anschnallpflicht eingeführt wurde, liefen die Empörten auch Sturm, denn persönliche Befindlichkeiten wiegen mehr als Ergebnisse sachlicher Abwägungen. Erst einmal würden einige Leute trotzig die sozialen Medien vollrotzen, Leserbriefe mit vielen Ausrufezeichen verfassen und sich am Stammtisch mal über was anderes aufregen. Nach einiger Zeit würden sich die Wogen glätten und alternativen Traditionen die Möglichkeit des Wachsens gegeben.

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