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Knast

  • Autorenbild: Werler Kötte
    Werler Kötte
  • 6. Juni
  • 5 Min. Lesezeit

Werl hat einige sehenswürdige Sehenswürdigkeiten. Die Basilika lockt weiterhin Menschen in die Stadt, wobei es nicht mehr zu diesen Massenveranstaltungen der glorreichen, guten alten Zeit reicht. Die Schlossruine ist ebenfalls einen Besuch wert und steht auf der Bucketlist für einen Betriebsausflug unserer volltrunkenen Redaktion. Im Kurpark kann man Enten mit trockenem Brot bewerfen und das Abfallwirtschaftszentrum ist der Abenteuerspielplatz für ausgewachsene Kötten. Heute geht es allerdings um eine Sehenswürdigkeit, die man in der Regel nur von außen betrachten möchte. Nein, nicht die öffentlichen Toiletten, lies doch einfach die Überschrift!


Immer wieder gute Informationsquellen
Immer wieder gute Informationsquellen

Vorweg möchte ich kurz die Quellen für den Quatsch benennen. Werl- gestern- heute- morgen aus dem Jahr 2008 bzw. der Text von Joachim C. Bartsch. Außerdem las ich den Text Klaus Koepsels aus „Werl- Geschichte einer westfälischen Stadt“ von Amalie Rohrer (hg. Hans-Jürgen Zacher). Den Rest habe ich mir einfach ausgedacht. Außerdem werde ich nicht auf alles eingehen, was es zu erzählen gibt, denn das würde den Rahmen einfach lärmend zersprengen.

 

Ich bin im Werler Norden aufgewachsen. Die ehemalige Kaserne (nun Wohngebiet) und das Gefängnis waren für mich keine außergewöhnlichen Erscheinungen, sondern gehörten einfach dazu. Meine Mutter hat mir erzählt, dass sie in ihren pubertären Jahren Insassen ein wenig provozierte, die kurz vor ihrer Entlassung standen und die Bürgersteige der Plaschkestraße (benannt nach dem ersten Direktor) reinigten. Jugendliche dürfen das und waschechte Kötten sowieso.


Erster Direktor und Namensgeber der anliegenden Straße
Erster Direktor und Namensgeber der anliegenden Straße

 

Kriminalität als Wirtschaftsfaktor

 

Anfang des 20. Jahrhunderts sah es in Werl aus ökonomischer Sicht nicht sonderlich gut aus. Die Salzgewinnung war rückläufig und auch die Industrie schwächelte. Das Königreich Preußen bot als Strukturmaßnahme die Ansiedlung eines größeren Betriebes an, doch die Ratsherren beschlossen, Gebiet für den Bau eines Zentralgefängnisses zur Verfügung zu stellen. Zunächst sollten ca. 600 temporäre Gastzimmer eingerichtet werden.


Der Bau des Schuppens (Königlich Preußisches Zentralgefängnis) dauerte von 1905-1908. Beteiligt waren Baufirmen aus der Soester Börde und Insassen, denn die wussten am besten, wie so ein Knast auszusehen hat. Zwar wurde kein Wellnessbereich eingerichtet, doch zumindest ein Kirchraum stand den Halunken zur Verfügung. Selbiger wurde mit einer wertigen Orgel aus dem Werler Haus Stockmann bestückt. Ja, den Betrieb gibt es noch heute!

Rund um das ummauerte Gelände wurden Gebäude für die Bediensteten (Direktor, Aufseher, Pfarrer) gebaut, die inzwischen denkmalgeschützt sind. Man möchte ja nicht am falschen Ende sparen.

 

Die Angestellten wohnten in diesen Rumpelbuden
Die Angestellten wohnten in diesen Rumpelbuden

Rache, Vergeltung, Vergangenheit

 

Gefängnisse, ihr Aufbau, ihre Aufgaben und die Intentionen hinter Gittern haben sich im Laufe der Jahrhunderte gewandelt. Das gilt für so einiges, auch wenn Veränderungen meist nicht auf offene Ohren stoßen. Früher ging es um Strafe, um Vergeltung für die sündigen Taten. Die Insassen sollten vornehmlich bestraft werden. Die Inhaftierung sollte dabei so übel ausfallen, dass sie selbst bei fehlender Einsicht nicht auf die Idee kommen würden, ihre schändlichen Taten nach der Entlassung zu wiederholen. Oberflächlich betrachtet mag das nachvollziehbar erscheinen, doch so einfach sind Menschen dann wiederum nicht.


Die Zellen der Inhaftierten waren beispielsweise nicht sonderlich geräumig (ja, das ist ein Euphemismus). Als kleines Beispiel für den vergnügungssteuerpflichtigen Alltag im Bau soll ein Vorgehen aus dem Zentralgefängnis dienen. So gab es eine luxuriöse „Freistunde“ am Tag, bei denen die Eingekerkerten sich die Beine vertreten durften bzw./mussten. Dabei konnte man nicht gemütlich schlendern oder pfeifend hüpfen. Das Gangbild, die Gehgeschwindigkeit und wie die Arme bewegt werden sollten, war streng geregelt.

 

Luxus (* Werl-Geschichte einer westfälischen Stadt)
Luxus (* Werl-Geschichte einer westfälischen Stadt)

Werl unter dem Hakenkreuz


Die düstere Zeit (die ihren Schatten leider bis in die Gegenwart wirft) wurde von Helmuth Euler und Hans-Joachim Zacher ausführlich beleuchtet. Natürlich gab es auch deutliche Auswirkungen auf den Alltag im Gefängnis. 


Nachdem Dr. Faber (ehrenhafter Nazi) im Jahr 1936 die Leitung übernommen hatte, wurde das Zentralgefängnis zum Zuchthaus umbenannt und die Kapazitäten mit Blick auf die Kriegsproduktion massiv erhöht (ca.1800 Gäste). Innerhalb der Mauern wurde hauptsächlich Munition hergestellt. Während der Luftangriffe verharrten die Gefangenen voller Todesangst in ihren beengten Räumlichkeiten; derweil genoss Dr. Faber den Schutz des Bunkers. Seine Karre ließ er zum Stadtwald bringen, damit auch des Deutschen liebstes Spielzeug geschützt war.


Seit Ende 1942 wurden regelmäßig Abgabeaktionen durchgeführt. Was sehr sachlich klingt, war schlicht und ergreifend Mord. Insassen, die aus Leitungssicht „asozial, verkrüppelt oder einfach hässlich“ waren, wurden in Konzentrationslager gebracht, wo sie der ausbeuterischen Tötungsmaschinerie ausgeliefert waren. Ich möchte gar nicht weiter auf die Thematik eingehen, denn dann würde ich zu sehr abschweifen, aber einige gegenwärtige Entwicklungen erinnern leider an vergangene Vorgänge. Dabei wollen wir es mal belassen; nicht, dass es wieder Gezanke gibt. 😉 


Am 22.04.1945 kamen die Alliierten (Amerikaner) und befreiten das Zuchthaus. Nach provisorischer Leitung und Integration der Häftlinge übernahmen anschließend die Briten das Ruder. Im Jahr 1955 überging die Leitung dann wieder in teutonische Hände.

 

Reformen und so

 

Zeiten ändern Rahmenbedingungen, was oftmals gut ist. Kinder dürfen von ihren Eltern nicht mehr verkloppt werden (doch, das hat euch geschadet), Frauen dürfen ohne Erlaubnis des Göttergatten arbeiten gehen und sexuelle Gewalt in der Ehe ist ebenfalls strafbar. Worauf will ich hinaus? Genau, auch die Bedingungen von Inhaftierten haben sich im Laufe der Jahre geändert.


1967 wurde entschieden, dass nicht 3 Personen in eine Zelle gequetscht werden sollten, wodurch auch die Anzahl der Inhaftierten in Werl deutlich sank (1600 --> 1000). In der Folge wurden auch inhaltliche Anpassungen vorgenommen. Die Straftäter kamen hinter den Mauern in den Genuss einiger „Privilegien“. Sie durften Sport treiben, Bastelangebote wahrnehmen und in Kooperation mit den Werler Gymnasien und der Realschule bestand die Möglichkeit, einen Schulabschluss zu ergattern. Dieses Vorgehen war seiner Zeit ein bisschen voraus, denn weitreichende Gesetzesänderungen gab es erst 1977.


Der Grundgedanke hinter der Haft änderte sich grundlegend. Es ging nicht mehr hauptsächlich um Strafe und Abschreckung. Stattdessen sollte die Haftzeit genutzt werden, um den Gefangenen auf die Anforderungen in der bevorstehenden Freiheit vorzubereiten. Stichwort Resozialisierung. Gefangene sollen ihre Taten aufarbeiten, das Leben in Gemeinschaft und die damit einhergehenden Konflikte einüben und Verantwortung übernehmen. Dazu zählt auch „politisches“ Engagement in Gefangenenvertretungen, welche die Interessen der Inhaftierten wahren sollen. Erwähnenswert für Werl ist auch die „Hauspost“, eine interne Zeitung, deren Ursprünge bis ins Jahr 1966 zurückreichen. Die journalistischen Standards scheinen denen einiger lautstarker Schreihälse der gegenwärtigen Medienlandschaft überlegen zu sein.  

 

Mauern, Kameras und Zäune. Schick
Mauern, Kameras und Zäune. Schick

Denen geht es viel zu gut

 

Den Insassen der Werler JVA wird einiges geboten. Sie haben eine Turnhalle, einen Sportplatz, sie können sich weiterbilden und erhalten Therapie, was außerhalb der Mauern ein recht langwieriges Unterfangen darstellt. Viele Menschen unken, dass es ihnen zu gut gehe. Naja, es ist ein illustrer Kreis und jedem steht es frei, sich dem Wellnessdasein hinter Gittern anzuschließen. Ich hege da jedenfalls keine Interessen, denn trotz aller Anpassungen ist es eben ein Leben im Kerker mit einer ordentlichen Portion Fremdbestimmung. Werl ist für viele Dinge bekannt, und dazu gehört eben auch unser Bau.

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