Ausgewaffelt
- Werler Kötte

- vor 2 Stunden
- 4 Min. Lesezeit
Ich sitze gerade im Waffelstübchen, genauer gesagt im wohligen Schatten des Außenbereichs und habe Probleme, die richtigen Worte zu finden, denn heute geht es ums Abschiednehmen. Nein, es ist niemand gestorben, es ist schlimmer. Das Waffelstübchen wird das Waffeleisen an den Nagel hängen, die Filterkaffeemaschine zum Elektroschrott bringen und ein Loch in meine zarte Seele reißen. Wer nicht weiß, was das Waffelstübchen ist, sollte sich meinen Bericht aus der fernen Vergangenheit zu Gemüte führen.

Samma, hast Du einen an der Waffel?!
Bleiben wir bei den schnöden Fakten, die heutzutage immer weniger Leute zu interessieren scheinen, doch ich möchte nicht abschweifen, was sicher so gut funktionieren wird, wie Pommes im Backofen schmackhaft zuzubereiten, wenn daneben eine Fritteuse mit siedendem Öl steht.
Warum sollte man Zeilen auf einen flimmernden Bildschirm tippen, wenn ein Café seine gläsernen Pforten schließt? Schließlich leben wir in Deutschland, was heißt, dass man Kaffee, Alkohol und Kippen eigentlich flächendeckend zu annähernd jeder Tageszeit ergattern kann.
Das Waffelstübchen ist für mich ein besonderer Ort, wobei ich erahnen kann, warum ein Besuch dieser anachronistischen Anlaufstelle nicht für jedermann oder jederfrau infrage kommt. Beziehungsweise kann ich mir vorstellen, warum man seinen Kaffee vielleicht lieber mal eben am überdimensionierten Smartphoneselbstbedienungsterminal bei Mecces ordert. Doch dazu später mehr.
Um die von mir eingangs so wortgewandt gestellte Frage zu beantworten, das Waffelstübchen ist für mich als koffeinabhängigen Kötten eine Institution, deren Wegfallen ich mir noch gar nicht vorstellen kann und möchte. Daher dieses Geschreibe.
Es war einmal…
Das Waffelstübchen gibt es seit 1985, wodurch es im Prinzip zu den wenigen Dingen gehört, die es länger als mich gibt. Okay, Patriarchat, Kapitalismus, Rassismus und Bier gibt es weitaus länger als mich, aber wir wollen nicht zu viele Haare spalten. Im Jahr 2000 hat Herr E. das Etablissement übernommen. In einem Jahr also, in dem die Welt unterzugehen drohte. Das Jahr 2000 hat uns tolle Filme gebracht (Memento möchte ich hervorheben). Facebook und Youtube gab es noch nicht und die Menschen mussten sich ihre Filme in einer Videothek ausleihen. Dafür musste man sich eine Hose anziehen und das Haus verlassen.
Auf der Konsole hielt ich mich bei Zelda-Majoras Mask in einer gruseligen Welt auf, konnte durch kurze Trips mit Tony Hawks Pro Skater 2 aber auch Ablenkung vom herabstürzenden Mond erhalten. Kuriose Zeiten also. Weit entfernte Zeiten.

Die Menschen fanden sich in Cafés zusammen, um Konversation zu betreiben, statt sich lustige KI-Videos vorzuspielen. Ja, ich klinge wie ein alter Mann, doch dieser Ort macht aus jedem Jungspund einen weisen Wirren. Früher gab es keine Kartenzahlung, früher hielt man auch nicht seine Smartwatch auf das Bezahlgerät oder das blinkende Intimpiercing. Früher hielt man dem Wirt einen 10 Mark Schein hin und konnte von dem Budget tagelang Kaffee saufen. Nein, ich möchte die Zeit nicht verklären. Früher war sicher nicht alles besser. Es war anders. Doch das gilt für das Waffelstübchen nur in eingeschränkter Weise.
Die Zeit steht still
Wer das Stübchen in den letzten Jahren mal aufgesucht haben sollte (vielleicht im Rahmen einer Mutprobe) wird gedacht haben, dass seit 1985 keine Umgestaltung der Innenräume stattgefunden hat. Nein, ich formuliere das nicht als böswillige Aussage. Es ist eine wertungsfreie Feststellung, dass die Einrichtung aus einer anderen Zeit zu stammen scheint. Vitrinen, in denen Porzellan dekorativ neben Püppchen steht. Das Mobiliar erinnert stilistisch an vergangene Tage, schmeichelt aber dem gebeutelten Rücken. Alt ist eben nicht immer schlecht.

Auch wenn ich mich auf keinen Fall als jung bezeichnen würde, gehöre selbst ich nicht unbedingt zur Zielgruppe. Vielleicht bin ich auch deshalb so gerne hier. Wenn ich von den lebensfrohen Damen als „junger Mann“ bezeichnet werde, kommen direkt zwei neue Lachfalten ins alternde Antlitz. Wenn ich nicht gerade als exklusiver Gast meinen Kaffee schlürfe, sind es meist Menschen, die noch älter als ich sind, welche zum Frühschoppen oder der bepuderzuckerten Nachmittagswaffel ins Stübchen einkehren.
Der Platz im Außenbereich erinnert mich an eine Art VIP-Loge, denn hier hat man die beste Aussicht zum „Kötten gucken“. Das ist gar nicht despektierlich (guck mal in einen Duden) gemeint und umfasst eine besonders breite Überbreite an Eindrücken.
Die Fußgängerzone gehört jetzt bekanntlich nicht zu den Orten, die von Menschenmassen heimgesucht werden, doch wird man beim entspannten Malträtieren der Tastatur oft Zeuge von kleinen, unterhaltsamen Szenen. Typisch für Werl sind Gestalten, die in Selbstgespräche vertieft sind, Eltern, die erfolglos auf ihre Kinder einreden, Hundehalter, die hoffen, dass das große Geschäft nicht mitten auf dem bald ausgetauschten Pflaster abgeschlossen wird und manchmal jagt die Polizei auch rüde radelnde Rabauken.
Gelegentlich gesellen sich auch bekannte Gesichter zu mir, um kurz über das Wetter oder weitere bedeutsame Dinge zu reden. Andere brauchen zum Schreiben oder Lesen ihre Ruhe, ich hocke bei besagten Beschäftigungen am liebsten im Waffelstübchen, weil es eine kuriose Mischung aus Ruhe und stimulierenden Eindrücken darstellt. Ja, vielleicht sollte ich das mal neurologisch abklären lassen.
Zeiten ändern sich
Das ist natürlich eine Phrase, die eigentlich in einen prall gefüllten Sprüchekalender gehört, doch wie so viele Phrasen und Sprichwörter liegt in der Aussage ein treffender Kern. Wir leben im Jahr 2026. Wir sind zwar immer noch dieselbe Spezies, die den Karren so erfolgreich in den Dreck geschoben hat, aber zumindest schieben wir den Karren jetzt appgesteuert und können unsere durchdachten Einkäufe beim Kacken tätigen.
Jaja, der alte Mann ist gleich fertig mit Rumjammern. Vieles hat sich eben verändert und dazu gehört auch die Erscheinung von Fußgängerzonen. Nein, das böse Internet ist nicht allein dafür verantwortlich und ja, auch ich genieße es, wenn ich meine mit Extrawünschen gespickte Bestellung in Ruhe an einem Terminal aufgeben kann. Dennoch wird mir die kleine Zeitreise ins Waffelstübchen fehlen.
Viele Läden und gastronomische Betriebe haben in letzter Zeit die Segel gestrichen. Die Gründe sind vielfältig und ich möchte auch nicht näher darauf eingehen, sonst wird mir wieder boshafte Antiwerl-Propaganda unterstellt 😉 Was wir tun können, ist recht einfach. Gönnt euch was Leckeres in den lokalen Lokalitäten und gebt Trinkgeld!




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