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Ode ans Dreiklang

  • Autorenbild: Werler Kötte
    Werler Kötte
  • 9. Feb.
  • 4 Min. Lesezeit

Die meisten Menschen mit Hang zum wortspielaffinen Lokaljournalismus dürften es ebenso wissen, wie die Social-Media Zombies, die mir bei Instagram folgen. Das Café Dreiklang wird Ende April schließen. Weil es sich um einen meiner Lieblingsorte handelt, sind ein paar Zeilen angebracht, um Abschied zu nehmen. Wer generelle Informationen zum Café lesen möchte, kann einfach auf diesen handverlesenen Link hauen.


 

Lang ist es her

 

Es ist 2008. Tokio Hotel gewinnt einen Newcomer-Award, Obama ist Präsident der USA und ich bin zarte 20 Jahre alt. Beim letzten Punkt wird mir bewusst, wie viel Wasser den Salzbach hinabgeflossen ist, seit das Dreiklang seine Pforten geöffnet hat. Ich selbst bin seit etwa 12 Jahren regelmäßiger Gast und gerade erscheint es schwer vorstellbar, dort künftig nicht mehr einkehren zu können.



Früher (ja, mit Blick auf die vielen Jahre ist dieser Begriff durchaus angebracht) habe ich das Dreiklang aus unterschiedlichen Gründen gerne aufgesucht und die Zeit mit verschiedenen Aktivitäten verbracht. Ich bin eigentlich eher zufällig im Inklusionsbetrieb gelandet. In jenen eher unbeschwerten Tagen hatte ich zwar bereits einiges um die noch faltenfreien Ohren, aber ließ mich gerne abseits der heimischen Gefilde nieder, damit ich ungestört auf der Tastatur der flimmernden Schreibmaschine herumtippen konnte. Damals gab es diese komische Website noch nicht, also schrieb ich einige Texte für meinen engen Freundeskreis, in denen ich gemeinsame Erlebnisse pseudoliterarisch verwurstelte. Gelegentlich steckte ich meine Nase auch in sogenannte Bücher und las, während ich Kaffee und Cola in den trockenen Schlund kippte.

 

Ein Ort zum Wohlfühlen

 

Bereits anfangs habe ich viele Dinge im Dreiklang zu schätzen gewusst. Fangen wir mit oberflächlichen Äußerlichkeiten an. Es befindet sich in Werl, und ich bin eben gerne in meiner Köttenstadt. Die genaue Lage hat mir ebenfalls sehr zugesagt. Irgendwie ist es mitten in der Fußgängerzone, aber gleichzeitig ein bisschen versteckt. Bei gutem Wetter saß ich draußen und konnte den Blick über die flanierenden Kötten schweifen lassen. Eine bessere Inspiration gibt es bekanntlich nicht. Wofür diese Inspiration taugt, ist freilich auf ein anderes Blatt gekritzelt. Wenn mich die Witterung ins Innere getrieben hat, gab es ebenfalls viele Punkte, die mir zugesagt haben.



Was erwartete mich im Innenbereich? Großer und heller Gastraum mit ausreichend Platz für einen überdimensionierten Laptop. Hinzu kommt, dass die Gäste schon immer eine bunte Mischung darstellten, was für mich das Frittensalz in der Pommesbude war. Ältere Gestalten (zu denen ich mich allmählich auch zählen darf), junge Leute und Blagen. In vielen Lokalen sind die nervtötenden Miniaturmenschen nicht allzu gern gesehen, was für das Dreiklang bis heute nicht gilt. Hier ist Raum für sie; also wirklich. Die Spieleecke ist nicht nur ein dekoratives Element, sondern lädt zum Rutschen, Malen und Lärmen ein.

 

Menschen

 

Das Dreiklang war für mich immer mehr als eine nette Koffeintankstelle. Vom ersten Tag an habe ich mich dort wohlgefühlt, was gar nicht mal so leicht erscheint, wie man denken könnte. Das lag hauptsächlich am Personal, wobei das auch eines jener Worte ist, die ich nicht sonderlich mag. Letztlich waren und sind es die Menschen, die mich dort hingezogen haben. Inzwischen kenne ich sie alle mit Namen und wir tauschen mehr als „die Tageszeit“ aus, was erwähnenswert ist, weil ich abseits der Tastatur eher wortkarg bin, wenn ich nicht gerade unter Kötten bin, die mich schon gut kennen.



Für die Mitarbeitenden ist das Ende des Inklusionsbetriebes sicher ein schwerer Schlag, aber ich denke da eher egoistisch an die Folgen für mich. Die Nachricht hat mich in ihrer Tragweite erst mit einer kleinen Verzögerung erwischt. Ich kann mir Werl, meine koffeingetränkten Ausflüge in die Stadt und das regelmäßige Plaudern mit den Menschen einfach schwerlich vorstellen ohne das Dreiklang. Es tut mir für die Menschen leid, die aus einem schnöden Café meinen Wohlfühlort geschaffen haben. Es tut mir leid für die Menschen, die ähnlich empfunden haben, denn hier war wirklich jeder willkommen. Das Dreiklang war wie ein sicherer Hafen, ein Refugium und die Möglichkeit, den Glauben an gute Menschen wieder zu erlangen, wenn man mal wieder zu viel in den sozialen Medien unterwegs war.

 

Danke

 

Als ich letztens im Dreiklang war, steckte ein Kloß in meinem Hals, den ich auch mit literweise Kaffee nicht hinunterkippen konnte. Ich musste ein wenig kämpfen, um die Augen nicht mehr als notwendig zu befeuchten. Wie gesagt, ich kann es mir noch nicht recht vorstellen und möchte auch gar nicht über Probleme von Gastronomiebetrieben oder dem Zustand der Inklusion in unserem schönen Land schreiben. Das würde den Rahmen sprengen und den eigentlichen Gedanken dieser Worte nicht gerecht werden. Auch wenn momentan ein kleiner Schockzustand vorherrscht, möchte ich mich in aller Form bei allen Beteiligten bedanken. Das riskante Abenteuer überhaupt eingegangen zu sein, erforderte Mut, Engagement und einen positiven Charakter, der größten Respekt verdient. Ich bin dankbar für die vielen Stunden bei euch. Ihr hinterlasst eine Lücke, die kaum zu schließen sein wird; dennoch hoffe ich, dass es in irgendeiner Weise weitergehen wird. Alle aus der Redaktion wünschen dem Team und dem Team hinter dem Team alles Gute. Hoffentlich sehen wir uns bald wieder.

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